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Brehms Tierleben

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... Der Eisbär bewohnt den höchsten Norden der Erde, den eigentlichen Eisgürtel des Pols, und findet sich bloß da, wo das Wasser einen großen Theil des Jahres hindurch oder beständig, wenigstens theilweise, zu Eis erstarrt. Wie weit er nach Norden hinaufgeht, konnte bisher noch nicht ermittelt werden; soweit der Mensch aber in jenen unwirtlichen Gegenden vordrang, hat er ihn als lebensfrischen Bewohner des lebensfeindlichen Erdgürtels gefunden, während er nach Süden hin bloß ausnahmsweise noch unter dem 55. Grade nördlicher Breite bemerkt worden ist. Er gehört keinem der drei nördlichen Erdtheile ausschließlich, sondern allen nördlichen Erdtheilen gemeinschaftlich an. Von keinem anderen Wesen beirrt oder gefährdet, der eifrigsten Kälte und den fürchterlichen, uns schier undenkbaren Unwettern sorglos trotzend, steift er dort durch Land und Meere über die eisige Decke des Wassers oder durch die offenen Wogen, und im Nothfalle muß ihm der Schnee selbst zur Decke, zum Schutze, zum Lager werden.

Die Bewegungen des Eisbären sind im ganzen plump, aber ausdauernd im höchsten Grade. Dies zeigt sich zumal beim Schwimmen, in welchem der Eisbär seine Meisterschaft an den Tag legt. Die Geschwindigkeit, mit welcher er sich stundenlang gleichmäßig und ohne Beschwerde im Wasser bewegt, schätzt Scoresby auf drei englische Meilen in der Stunde. Die große Masse seines Fettes kommt ihm vortrefflich zustatten, da sie das Eigengewicht seines Leibes so ziemlich dem des Wassers gleichstellt. Man sah ihn schon vierzig Meilen weit von jedem Lande entfernt im freien Wasser schwimmen und darf deshalb vermuthen, daß er Sunde oder Straßen von mehreren hundert Meilen ohne Gefahr zu übersetzen vermag. Ebenso ausgezeichnet, wie er sich auf der Oberfläche des Wassers bewegt, versteht er zu tauchen. Man hat beobachtet, daß er Lachse aus der See geholt hat und muß nach diesem seine Tauchfähigkeit allerdings im höchsten Grade bewundern. Daß er oft lange Zeit nur auf Fischnahrung angewiesen ist, unterliegt gar keinem Zweifel, und ieraus geht also hervor, daß er mit mindestens derselben Schnelligkeit schwimmt wie der behende, gewandte Fischotter. Auch auf dem Lande ist er keineswegs so unbehülflich, ungeschickt oder plump, als es den Anschein hat. Sein gewöhnlicher Gang ist zwar langsam und bedächtig, allein wenn er von Gefahr gedrängt oder von Hunger angetrieben wird, läuft er sprungweise sehr rasch und kommt jedem anderen Säugethiere, welches sich auf dem Eise bewegt, und somit auch dem Menschen, leicht zuvor. Dabei sind seine Sinne ausnehmend scharf, besonders das Gesicht und der Geruch. Wenn er über große Eisfelder geht, steigt er, nach Scoresby, auf die Eisblöcke und sieht nach Beute umher. Todte Walfische oder ein in das Feuer geworfenes Stück Speck wittert er auf unglaubliche Entfernungen.

Ein anderes Beispiel eines unklugen Angriffs gegen einen Bären wurde Scoresby vom Kapitän Munroe mitgetheilt, dessen Schiff im grönländischen Meere vor Anker lag. Einer von der Mannschaft des Schiffes, welcher aus einer Rumflasche wohl gerade besonderen Muth sich geholt haben mochte, machte sich anheischig, einem in der Nähe des Schiffes erschienenen Bären nachzusetzen. Bloß mit einer Walfischlanze bewaffnet, ging er zu seiner abenteuerlichen Unternehmung aus. Ein beschwerlicher Weg von ungefähr einer halben Stunde über lockern Schnee und schroffe Eisblöcke brachte ihn in unmittelbare Nähe seines Feindes, welcher, zu seinem Erstaunen, ihn unerschrocken anblickte und zum. Kampf herauszufordern schien. Sein Muth hatte unterd essen sehr abgenommen, theils weil der Geist des Rums unterwegs verdunstet war, theils weil der Bär nicht nur keine Furcht verrieth, sondern selbst eine drohende Miene annahm. Unser Matrose hielt da her an und schwang seine Lanze ein paarmal hin und her, so daß man nicht recht wußte, ob er angreifen oder sich vertheidigen wollte. Der Bär stand auch still.

Vergebens suchte der Abenteurer sich ein Herz zu fassen, um den Angriff zu beginnen: sein Gegner war zu furchtbar und sein Ansehen zu schrecklich vergebens fing er an, ihn durch Schreien und mit der Lanze zu bedrohen: der Feind verstand dies entweder nicht oder verachtete solche leere Drohungen und blieb hartnäckig auf seinem Patze. Schon fingen die Knie des armen Teufels an zu wanken, und die Lanze zitterte in seiner Hand; aber die Furcht, von seinen Kameraden ausgelacht zu werden, hatten och einigen Einfluß auf ihn: er wagte nicht, zurückzugehen. Der Eisbär hingegen begann mit der verwegensten Dreistigkeit vorzurücken! Seine Annäherung und sein ungeschlachtes Wesen löschten den letzten noch glimmenden Funken von Muth bei dem Matrosen aus; er wandte sich um und floh. Der Bär holte den Flüchtling bald ein. Dieser warf die Lanze, sein einziges Verteidigungsmittel, weil sie ihn im Laufe beschwerte, von sich und lief weiter. Glücklicherweise zog die Waffe die Aufmerksamkeit des Bären auf sich; er stutzte, betastete sie mit seinen Pfoten, biß hinein und setzte erst hierauf seine Verfolgung fort. Schon war er dem keuchenden Schiffer auf den Fersen, als dieser in der Hoffnung einer ähnlichen Wirkung, wie die Lanze sie gehabt hatte, einen Handschuh fallen ließ. Die List gelang, und während der Bär wieder stehen blieb, um diesen zu untersuchen, gewann der Flüchtling einen guten Vorsprung. Der Bär setzte ihm von neuem mit der drohendsten Beharrlichkeit nach, obgleich er noch einmal durch den anderen Handschuh und zuletzt durch den Hut aufgehalten wurde, würde ihn auch ohne Zweifel zu seinem Schlachtopfer gemacht haben, wenn nicht die anderen Matrosen, als sie sahen, daß die Sache eine so ernste Wendung genommen hatte, zu seiner Rettung herbeigeeilt waren. Die kleine Phalanx öffnete dem Freunde einen Durchgang und schloß sich dann wieder, um den verwegenen Feind zu empfangen. Dieser fand jedoch unter so veränderten Umständen nicht für gut, den Angriff zu unternehmen...

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